AGROSPRIT UND SEINE AUSWIRKUNGEN IN ZENTRALAMERIKA

Agrosprit – also Treibstoff aus Pflanzen oder organischen Abfällen – galt lange Zeit als Hoffnungsträger der Energiewende. Mittlerweile ist diese Euphorie etwas verflogen – auch, weil mit zunehmender Kritik von Umweltverbänden und Menschenrechtsorganisationen zunehmend Zweifel an der tatsächlichen „Nachhaltigkeit“ der Nutzung von Energiepflanzen aufkamen.

Kritisiert wird insbesondere, dass die gesteigerte Nachfrage in Konkurrenz zur Nahrungsmittelproduktion geriete und damit die Lebensmittelpreise in die Höhe treibe. Außerdem sei die Klimabilanz sogar im Vergleich zu fossilen Energieträgern in bestimmten Fällen eher negativ: etwa wenn direkt oder indirekt für den Anbau von Energiepflanzen Regenwälder gerodet oder Sümpfe trockengelegt würden. Als fatale Folge von Monokulturen, wie der ansteigende Zuckerrohranbau in Zentralamerika, sind Landgrabbing (der Kauf von Ländereien durch Großkonzerne) und der damit verbundene Verlust der Subsistenzgrundlage für die Kleinbäuer_innen zu nennen. Hinzu kommen ökologische Schäden durch degradierte und vergiftete Böden sowie gesundheitliche Gefährdungen der Arbeiter_innen durch den Einsatz von Pestiziden in den gigantischen Monokulturen, wie u. a. die chronische Niereninsuffizienz bei Arbeiter_innen im Zuckerroheranbau.

Auch wenn die Europäische Union mit der Förderung von Bio-Treibstoffen allmählich vorsichtiger wird, ist insgesamt eher mit einer Zunahme der Handelsbeziehungen zu rechnen, da die EU mit Zentralamerika ein Freihandelsabkommen abgeschlossen hat (ADA / Assoziierungsabkommen). Möglicherweise wird dann doch die Exportquote für Agrarprodukte wie Palmöl oder Ethanol aus Zuckerrohr in Richtung EU ansteigen, da diese Produkte nach der Ratifizierung des Abkommens zollfrei importiert werden können. Unter anderem im Hinblick auf diese Entwicklung warnen zahlreiche Nichtregierungsorganisationen in einer Stellungnahme, das ADA werde „negative Auswirkungen auf die menschenrechtliche Situation vieler bereits gefährdeter Gruppen haben, wichtige Initiativen für eigenständige, nachhaltige Entwicklung in Zentralamerika behindern und bereits existierende soziale Konflikte verschärfen.“

Die genannten negativen Folgen der Agrospritproduktion lassen sich am Beispiel der Region Bajo Aguán in Honduras beispielhaft illustrieren:

Das Tal des Bajo Aguán an der hondurenischen Atlantikküste ist eine der Kernregionen des Palmölanbaus. Die Investitionen in den lukrativen, exportorientierten Anbau der Ölpalme (Palma Africana) wurden u.a. mit Mitteln der Weltbank realisiert. Dem nach Einschätzung von Menschenrechtsorganisationen schlimmsten Landkonflikt in Zentralamerika sind seit September 2009 mindestens 57 Bäuer_innen und Unterstützer_innen von Bauernorganisationen sowie ein Journalist zum Opfer gefallen. Aufgrund der nachgewiesenen Landvertreibung und Menschenrechtsverletzungen durch die privaten Sicherheitsdienste der Agrarunternehmen sah sich auch die Weltbank Anfang 2013 gezwungen, ihre Projekte in der Region auf den Prüfstand zu stellen – weist allerdings bislang jede Verantwortung von sich. (siehe Protestaktion von Rettet den Regenwald)

Die Zuckerrohrproduktion in Zentralamerika teilen sich de facto zwei große Unternehmen: das Familienunternehmen Pellas aus Nicaragua und die Unternehmensgruppe Grupo Pantaleón aus Guatemala. In Nicaragua wird neben Zuckerrohr auch noch Palmöl für Bio-Kraftstoffe produziert. An der nicaraguanischen Pazifikküste ist die Zuckerrohrindustrie mit 35.000 Arbeiter_innen die wichtigste Arbeitgeberin. Zuckerrohr hat inzwischen ein Exportvolumen von 80 Millionen US-Dollar – Tendenz steigend. Innerhalb eines Jahres (von 2011 auf 2012) stieg die Produktion um 18% und damit auf über 6 Mio. Tonnen Zuckerrohr. Die Expansion des Anbaus und die dafür erforderlichen Bewässerungssysteme wurden über die Deutsche Entwicklungsgesellschaft der KfW-Bankengruppe auch mit Darlehen aus Deutschland gefördert.

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